»Zunge rausstrecken macht man nicht?«

Das ist richtig, wenn man sich in Gesellschaft befindet. Für Therapeut*innen der Chinesischen Medizin gibt die Zunge der Patienten hingegen wichtige Informationen zu deren gesundheitlichem Zustand. Mit Hilfe der Zungendiagnose, die u.a. die Zungengröße, -form, -farbe und den Belag berücksichtigt, erkennt die Therapeut*in, wie es um die Gesundheit dieses Menschen bestellt ist. Auch die Zungenränder und der Zustand der Unterzungenvenen werden mit berücksichtigt.

Die Chinesische Medizin betrachtet die Zunge als einen Mikrokosmos, der vieles offenbart: Die Zunge eines gesunden Menschen ist weder zu trocken noch zu feucht, nicht auffallend blass oder rot und hat nur einen leichten Zungenbelag. Dies zeigt an, dass der Mensch körperlich, aber auch emotional im Gleichgewicht ist.

Ist die Zunge hingegen auffallend blass, zeigt dies, dass ein Mangel von Yang und Qi (könnte man ungefähr mit einem Mangel an Wärme und Lebensenergie übersetzen) im Körper vorliegen kann. Hier würde man raten, zu kalte Lebensmittel zu meiden und wärmende zu bevorzugen. Therapeuten könnten entsprechende Arzneimittel verschreiben, um das Innere zu wärmen. Ist die Zunge dagegen auffallend rot, wäre das eher ein Zeichen für ein Übermaß von Yang (also zu viel Hitze oder Wärme). Hier wäre das Hinzufügen von noch mehr Hitze fatal, man würde stattdessen kühlende Lebensmittel bevorzugen.

Manchmal sieht man an der eigenen Zunge deutliche Zahneindrücke und fragt sich, woher diese kommen. Diese Zahnabdrücke weisen auf zu viel Feuchtigkeit im Körper hin. Beim Anblick einer solchen Zunge diagnostizieren Therapeut*innen der Chinesischen Medizin vielleicht „Qi-Mangel der Milz“. Die Milz ist nach der Chinesischen Medizin-Theorie für die Umwandlung von Feuchtigkeit zuständig ist. Auch hier würden Therapeut*innen angepasste Ernährungsempfehlungen aussprechen sowie Akupunktur und eventuell Moxa (das Abbrennen von Beifußkraut) anwenden.

Aus vielen weiteren Zungenzeichen und der Kombination von diesen, können erfahrene Therapeut*innen verschiedene, teils komplexe Dysbalancen ableiten. Zusammen mit weiteren körperlichen Symptomen sowie zusätzlicher Diagnostik erhalten sie wertvolle Hinweise für das erforderliche therapeutische Vorgehen.

Wenn Sie also das nächste Mal das dringende Bedürfnis verspüren, jemanden die Zunge hinauszustrecken, seien Sie sich bewusst, dass Sie hiermit unter Umständen mehr über sich preisgeben, als Ihnen lieb ist – vorausgesetzt ein TCM-Therapeut erhascht einen Blick darauf.

Hinweise zu ausgebildeten TCM Therapeuten in Deutschland: www.agtcm.de/patienten

»Hilft Weihrauch auch bei Atheisten?«

Auf jeden Fall! Unabhängig von jedem Glaubensbekenntnis können Patient*innen bei bestimmten Krankheitsbildern von der Einnahme von Weihrauch profitieren. Das Harz des Weihrauchbaumes (Boswellia serrata) ist nämlich ein ayurvedisches Heilmittel mit antientzündlicher Wirkung, das bereits vor mehr als 3.000 Jahren genutzt wurde. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen positive Wirkungen z.B. bei Colitis ulcerosa1, Asthma2 und Arthrosen3.

Laborexperimente untermauern außerdem die Erfahrungen der traditionellen indischen Medizin und erbrachten Hinweise auf den Wirkmechanismus der Weihrauchextrakte4. Vor allem weil herkömmliche Arzneien zur Behandlung entzündlicher Erkrankungen, wie etwa Ibuprofen, Diclofenac u.ä. oft mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sind, ist Weihrauch bei der Suche nach verträglichen Alternativen wieder in den Fokus der westlichen Medizin gerückt. Ein breiterer klinischer Einsatz und öffentlich finanzierte Studien wären wünschenswert, um mögliche Einsatzgebiete, Dosierungen etc. noch besser zu verstehen. 

Weihrauch-Präparate sollten nur in Absprache mit einem Arzt eingenommen werden. Die Wirkung setzt meist erst nach etwa vier bis sechs Wochen ein. Die Medikamente werden in der Regel gut vertragen. Als unerwünschte Wirkungen treten selten Magen-/Darmbeschwerden, vereinzelt auch allergische Reaktionen auf.


1 PubMed: Herbal and plant therapy in patients with inflammatory bowel disease

PubMed: Boswellia serrata alleviates symptoms of asthma

PubMed: Efficacy of curcumin and Boswellia for knee osteoarthritis

PubMed: Boswellia Serrata, A Potential Antiinflammatory Agent

»Heilen Blumen Krebs?«

Viele Medikamente gegen Krebs beruhen tatsächlich auf der Wirkung von „Blumen“. Gemeint sind Heilpflanzen, deren Stoffe in Wurzeln, Blätter oder Blüten oder die als gesamte Pflanze in der Krebstherapie Wirkung zeigen. Ein gutes Beispiel sind die sogenannten Vinca-Alkaloide, wie sie in der rosafarbenen Catharanthe vorkommen. Es handelt sich hierbei um die Alkaloide (basische, stickstoffhaltige Pflanzenstoffe) verschiedener Pflanzengattungen der Hundsgiftgewächse. Das aus der Pflanze gewonnene Vincristin-Alkaloid findet in der Chemotherapie Verwendung und hemmt dort das Zellwachstum bzw. die Zellteilung (sogenanntes Zytostatikum).

Ein sehr prominentes, in zahlreichen Studien erforschtes Beispiel ist darüber hinaus die Nutzung der Mistel in der Integrativen Onkologie. Während heute in der Anthroposophischen Medizin weiterhin die Bestandteile der gesamten Pflanze (von verschiedenen Wirtsbäumen) zur Anwendung kommen, werden seit den 1980er Jahren in der Naturmedizin auch Einzelbestandteile der Pflanze, sogenannte Lektine eingesetzt. Patienten verspüren bei ergänzenden Anwendung der Misteltherapie vor allem eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität. Genauere Informationen zur Misteltherapie gibt es hier (Link zur Mistel-Antwort)

Ist eine Misteltherapie aufgrund von Unverträglichkeiten oder Kontraindikationen nicht möglich, kommen oft die Wirkstoffe der Christrose (Helleborus niger) zum Einsatz. Wässrige Auszüge der Pflanze helfen insbesondere, wenn Entzündungsbotenstoffe vermindert und die Patient*innen allgemein gestärkt werden sollen. Begleitend zur Chemotherapie kann die Christrose Nebenwirkungen, wie Konzentrationsstörungen, Angst- und Unruhezustände reduzieren.1

Darüber hinaus gibt es noch einige weitere Pflanzen und Verfahren, die bei den Nebenwirkungen einer Chemo-/Strahlen-Therapie eingesetzt werden können (u.a. bei Übelkeit, entzündeter Mundschleimhaut oder Durchfall). Viele Erkenntnisse sind bislang zwar empirisch begründet, aber noch nicht zufriedenstellend wissenschaftlich evaluiert.

In jedem Fall sollte die Verwendung zusätzlicher pflanzlicher Präparate im Rahmen einer Krebstherapie mit den behandelnden Ärzten abgesprochen werden, insbesondere um unerwünschte Wechselwirkungen zu vermeiden.

Siehe z.B. CAM CANCER - Complementary and Alternative Medicine for Cancer

Weitere Informationen unter
www.mistel-therapie.de
www.biokrebs.de
Dr. Rainer Scheer über die Misteltherapie


1Präklinische Versuche mit Tumorzellkulturen zeigen, dass wässrige Auszüge von Helleborus niger in sehr tiefer Potenz eine zellabtötende Wirkung haben. Die Anwendung der Pflanze bei Krebspatienten beruht derzeit auf langjährigen Erfahrungen, klinische Studien stehen hierzu noch aus.

»Rolex oder Organ-Uhr?«

Ob die Zeit von der Rolex oder vom Kirchturm kommt, nach der Organ-Uhr der Chinesischen Medizin kann jeder leben und überprüfen, wann das beste Stündlein für die Gesundheit schlägt.Die Organe unseres Körpers arbeiten in einer rhythmischen Ordnung. Im Laufe von 24 Stunden durchläuft jedes Organ eine zweistündige Maximalzeit, in der es Höchstleistungen vollbringt und 12 Stunden später einen zweistündigen Tiefpunkt (Minimalzeit), in der es sich erholt und dann weniger leistungsfähig ist. Egal wer wo wie lebt, die Organ-Uhr tickt für alle Menschen gleich.

Auch die moderne Wissenschaft erforscht mittlerweile im Fachgebiet der Chronobiologie die Bedeutung der verschiedenen Rhythmen für die Gesundheit. Richten wir unser Leben und unsere Verhaltensweisen nach unserem Biorhythmus aus, fühlen wir uns wohler, leben emotional ausgeglichener und bleiben geistig rege und vital bis ins hohe Alter. 

Wie sich die Organuhr in unserem Alltag auswirkt und wie wir davon profitieren können, zeigen die Beispiele der beiden Verdauungsorgane der Chinesischen Medizin, Magen und – etwas ungewohnt für das westliche Denken – Milz: Der Magen hat seine Höchstzeit von 7 bis 9 Uhr morgens, d.h. dies ist die ideale Zeit, um Nahrung zu uns zu nehmen. Ein Frühstück darf also ruhig etwas üppiger ausfallen. Das Essen wird bestmöglich aufgespalten, um daraus Nährstoffe sowie Energie zu gewinnen. Zwischen 9 bis 11 Uhr läuft dann die Milz zu ihrer Bestform auf. Eine der Aufgaben der Milz ist nach chinesischer Vorstellung die Verstoffwechselung oder auch Verdauung im Sinne einer Trennung in „Klares und Trübes“. Die Energie (das Klare) wird unserem Körper und Geist zur Verfügung gestellt, die Abfallprodukte (das Trübe) werden über Stuhl und Urin ausgeschieden.

Neben der Aufnahme von Nahrungsmitteln begegnen wir jeden Tag unendlich viel geistigem Stoff, der am Vormittag zur Milz-Zeit am effektivsten verarbeitet werden kann. Auch beim Lernen ist es eben wichtig, das „Klare vom Trüben“ trennen zu können. Gelingt uns dieses, bleibt der Kopf klar und leicht. Vielleicht merken Sie es selbst, dass Ihnen das Lernen oder geistige Arbeiten am Vormittag leichter fällt als am Nachmittag oder Abend?

Andererseits gibt es Zeiten, zu denen die Organe nicht so leistungsfähig sind. Magen und Milz haben am Abend zwischen 19 bis 21 Uhr (Magen), bzw. 21 bis 23 Uhr (Milz) ihre schlappe Phase. Laut Organuhr sollte man deshalb möglichst nach 19 Uhr keine Nahrung zu sich nehmen. Versuchen Sie also, die letzte Mahlzeit des Tages etwas früher zu legen. Der Körper ist nachts nicht so sehr mit Verdauung beschäftigt und kann sich optimal regenerieren. Wenn Sie abends zeitig und mäßig viel essen, haben Sie auch am Morgen wieder guten Appetit. Somit schließt sich der Kreis und der Zyklus einer gesunden Nahrungsaufnahme kann von neuem beginnen.

Ein Leben mit der Organuhr kann Ihr Leben angenehmer und gesünder machen, sie können  leichter zu ihrer Höchstform auflaufen. In der Chinesischen Medizin hilft die Beachtung der Organzeiten oft, Schwachpunkte und Störungen zu erkennen bzw. Erkrankungen leichter aufzuspüren. Zudem hat es sich in vielen Fällen bewährt, die Einnahme von Medikamenten an den Rhythmus der Organe anzupassen. 

Vielleicht bekommen Sie ja beim nächsten Blick auf die Kirchturmuhr den Impuls, sich mit Ihrer inneren Uhr, der Organuhr, zu verbinden? Wenn Sie mehr wissen möchten, schmökern Sie doch z.B. in dem Buch:„Die Organuhr – leicht erklärt“ von Lothar Ursinus. Gut ausgebildete Therapeut*innen der Chinesischen Medizin können Ihnen ebenfalls Einblicke und auch bei Beschwerden Rat geben.

Eine qualifizierte Therapeuten-Liste finden Sie unter:
www.agtcm.de/patienten


 

[1] Hildebrandt et. al.: Chronobiologie und Chronomedizin . Biologische Rhythmen – medizinische Konsequenzen. 1998

»Ist Cannabis gut für Kinder?«

Die Verwendung von Cannabis als Rauschmittel ist weder für Kinder und Jugendliche, noch für Erwachsene gut bzw. gesund. Allerdings wird Cannabis seit einigen Jahren vermehrt bei verschiedensten schweren Erkrankungen therapeutisch eingesetzt. Seit März 2017 können Ärzt*innen medizinischen Cannabis mittels eines Betäubungsmittelrezepts verordnen.

Ein neuerer Report der Techniker-Krankenkasse [1] fasst die Studienlage zusammen. Demnach kann der Einsatz von medizinischem Cannabis [2] durchaus sinnvoll sein bei chronischen Schmerzen, Spastizität bei Multipler Sklerose und Querschnittlähmung (Paraplegie), bestimmten Arten von Epilepsie, Übelkeit und Erbrechen nach Chemotherapie sowie zur Appetitsteigerung bei HIV/AIDS. In der Psychiatrie kommt Medizin-Cannabis bei Angst- und Schlafstörungen, bei Tourette-Syndrom und bei ADHS zum Einsatz. 

Kinder und Jugendliche können ebenso schwer erkranken wie Erwachsene. Können sie dann auch von einer Cannabistherapie profitieren, wie das bei vielen Erwachsenen der Fall ist? Bei schwerkranken Kindern liegen derzeit so gut wie keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit vor. Viele Einzelfallberichte geben jedoch auch hier Hinweise auf einen sinnvollen Einsatz, erste Fallserien zeigen, dass insbesondere chronisch kranke Kinder mit spastischen Lähmungen [3] oder bestimmten Formen der Epilepsie profitieren könnten. [4] Die Erfahrungen sind bisher sehr beschränkt, so dass grundsätzlich gilt: Die Behandlung eines Kindes mit Cannabinoiden gehört IMMER in die Hände eines erfahrenen Arztes, der die Vorteile gegen Risiken und Nebenwirkungen abwägen kann.

Weiter Informationen unter:
Bundesärztekammer
Carstens-Stiftung


[1] Techniker Krankenkasse: Indi­ka­tio­nen: Bei welchen Krank­heiten kommt Cannabis als Medizin in Frage?
[2] Für die genaue pharmazeutische Aufbereitung vgl. Wikipedia
[3] Deutsches Kinderschmerzzentrum
[4] Ärzte Zeitung: Weniger Anfälle bei Kindern durch Cannabiswirkstoff

»Auspowern gegen Burnout«

Überforderung, Zeitdruck, Erschöpfung. Für viele Menschen ist Stress zum Dauerzustand geworden. Nicht wenige bekommen einen Burnout oder rutschen in eine Erschöpfungsdepression – die Grenzen sind fließend. Doch es gibt Wege aus dem Erschöpfungstief, die interessanterweise gerade nichts mit Ausruhen zu tun haben, sondern mit Bewegung! Durch Sport können sich die Betroffenen neue Kraftquellen erschließen.

Auch die Integrative Medizin nutzt diese Erfahrungen: Zum einen über achtsame Bewegungsabläufe, die gestressten und erschöpften Menschen helfen, sich nicht ständig gehetzt zu fühlen. Ein gutes Beispiel ist Yoga. In ersten Studien mit Messungen von Herz-Kreislauf-Parametern konnte eine deutliche stressreduzierende Wirkung von Hatha-Yoga gezeigt werden. Auch das so genannte Iyengar-Yoga gilt als stressreduzierend und vitalisierend („Power-Yoga“). In einer amerikanischen Pilotstudie gab es zum Beispiel Hinweise auf eine anxiolytische (angstlösende) und antidepressive Wirkung.

Andere Studien zeigen, dass auch ein „normales“ Workout hilft, einen besseren Umgang mit Stress zu finden. Der Grund: Der Ausstoß von Dopamin, Serotonin und Endorphinen sorgt für ein Glücksgefühl und den Abbau des Stresshormons Cortisol. Durch Sport halten wir uns also nicht nur körperlich, sondern auch mental fit. Dabei muss jedoch darauf geachtet werden, dass der Sport nicht selbst zum Stressfaktor wird, d.h., Regenerations- und Erholungszeiten sind unbedingt nötig.

Mehr Informationen: Carstens-Stiftung: Gesundheits-Tipps kompakt - Yoga

»Fahrrad oder Herz-OP?«

Nicht jede Herz-OP lässt sich durch Fahrradfahren vermeiden. Aber viele der in Deutschland sehr häufig durchgeführten Stent-Operationen (Einführen eines Metallröhrchens in ein verengtes Gefäß, um den ungehinderten Blutfluss aufrechtzuerhalten) würden durch regelmäßiges In-die-Pedale-treten überflüssig. Denn 90 Prozent aller Herzinfarkte und 80 Prozent aller Schlaganfälle sind allein durch unseren Lebensstil bedingt. [1]

Schon zehn Minuten flottes Gehen jeden Tag senkt das individuelle Risiko für einen Herzinfarkt um rund 20 Prozent. [2] Herzgesunde Ernährung und ein besserer Umgang mit Stress und Emotionen sind weitere positive Lebensstil-Instrumente.

Wie aber sieht die Realität aus? Deutschland hat nach den USA und der Schweiz das drittteuerste Gesundheitssystem (mit Kosten von 1 Milliarde Euro pro Tag). Aber in der OECD haben deutsche Männer die schlechteste Lebenserwartung in West-Europa und auch die Frauen schneiden vergleichsweise schlecht ab. Im Vergleich zum Beispiel zu den Niederlanden, die vergleichbar in Altersstruktur, Lebensstil, Bruttosozialprodukt und dem Gesundheitssystem sind, werden in Deutschland rund viermal mehr Katheterinterventionen durchgeführt, und trotzdem sterben im Verhältnis bei uns ein Drittel mehr Menschen an einer ischämischen (durch mangelnde Durchblutung bedingten) Herzkrankheit.[3,4] Nach neuen Studien verlängert eine Gefäßprothese (Stent) das Leben nur, wenn ein akuter Infarkt vorliegt. Die Leistungsfähigkeit des Herzens verbessert sich durch einen Stent nicht,[5] wird aber z.B. durch regelmäßiges Fahrradfahren oder andere Bewegung deutlich gesteigert.

Alle, die nach längerer Zeit wieder mit einem Bewegungsprogramm starten wollen, sollten jedoch vorab mit ihrem Arzt / ihrer Ärztin sprechen, um das für sie passende Maß zu finden.

 

[1] Yusuf S et al: Effect of potentially modifiable risk factors associated with myocardial infarction in 52 countries (the INTERHEARTstudy): case-control study. The Lancet. 2004; 364: 937–52.

[2] Deutsche Herzstiftung: (Zugriff 7.4.2019)

[3] European Society of Cardiology, 2013

[4] Ländervergleich (2015)

[5] Al-Lamee R et al: Percutaneous coronary intervention in stable angina (ORBITA): a double-blind, randomised controlled trial. The Lancet. January 06, 2018; Volume 391, Iss. 10115, P31-40.

»Wo bleiben die Studien für Naturmedizin?«

Naturmedizinische Verfahren sind bereits umfangreich erforscht worden. Sehr viele Studien gibt es zum Beispiel zu den sogenannten übenden Verfahren, insbesondere zu Achtsamkeit und Yoga oder zur Misteltherapie bei Krebs. Das Problem: Die öffentliche Hand, in Deutschland vertreten durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, das Bundesministerium für Bildung und Forschung, und die Europäische Union, vergibt Forschungsgelder für Naturmedizin nur in geringstem Umfang (derzeit mit einem Anteil von unter 1 Prozent).

Gleichzeitig werden Wirksamkeitsnachweise gefordert, damit jahrtausendealte traditionelle Verfahren auch wissenschaftlich belegt werden können. Damit wir also die Wirkmechanismen von Naturmedizin noch besser verstehen und noch klarer sehen können, was wann wem nützt, müsste auch die öffentliche Hand endlich in die Erforschung von Naturmedizin investieren.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Anders als bei synthetischen Arzneimitteln, die in großem Ausmaß von Pharmaunternehmen beforscht werden, lohnt sich die Erforschung von Naturmedizin für die Wirtschaft nicht. Weil sich pflanzliche Wirkstoffe in der Regel nicht patentieren lassen, haben Unternehmen kein Interesse, das enorme Potential der Naturmedizin systematisch zu untersuchen. Hier muss die öffentliche Hand aktiv werden und den Schatz natürlicher Heilverfahren unabhängig von wirtschaftlichen Interessen wissenschaftlich bergen helfen.

Denn nicht zuletzt steht die öffentliche Forschungsförderung von Naturmedizin in einem extremen Missverhältnis zur Nachfrage bei Patientinnen und Patienten. In Europa wenden beispielsweise durchschnittlich 40% der Krebspatienten naturmedizinische Therapien an. [1] Im deutschen Sprachraum kommen am häufigsten Mistelextrakte (Viscum album) zum Einsatz. Zu Mistel bei Krebs liegen mittlerweile 130 klinische Studien vor. In Summe zeigt die Forschung eine Erhöhung der Lebensqualität, zudem gibt es Hinweise auf eine Verlängerung der Überlebenszeit von Tumorpatienten. [2]

Wann fördert die öffentliche Hand endlich Forschung zur Naturmedizin, die die Menschen kennen und schätzen?

 

[1] Molassiotis, A., P. Fernandez-Ortega, D. Pud, G. Ozden, J. A. Scott, V. Panteli and et al., Use of complementary and alternative medicine in cancer patients: a European survey. Ann Oncol Advance Access published online on February 2, (2005): 

[2] G. S. Kienle, H. Kiene: COMPLEMENTARY CANCER THERAPY: A SYSTEMATIC REVIEW OF PROSPECTIVE CLINICAL TRIALS ON ANTHROPOSOPHIC MISTLETOE EXTRACTS. Eur J Med Res (2007) 12: 103-119.

 

»Wirkt Naturmedizin nur, wenn ich daran glaube?«

Naturmedizin ist genauso viel oder wenig eine Sache des Glaubens wie Schulmedizin. Denn Selbstheilungs- oder Placeboeffekte sind, unabhängig vom Behandlungsverfahren, therapeutisch erwünscht. Als medizinisch wirksam im engeren Sinne gelten aber nur Methoden, die in entsprechenden Untersuchungen besser als Placebos (Scheinbehandlungen) abschneiden. Solche Studien existieren im Bereich Naturmedizin genauso wie in der Schulmedizin und müssen in beiden Feldern vorurteilsfrei bewertet werden. Ein Beispiel:

Depressionen werden häufig mit synthetischen Antidepressiva behandelt. Der Großteil ihrer Wirkung beruht auf Placeboeffekten. [1] 35 Studien mit insgesamt ca. 7.000 Teilnehmern belegen, dass Johanniskraut besser als Scheinpräparate wirkt und weniger Nebenwirkungen verursacht als gängige Medikamente gegen Depressionen. [2][3]

Darüber hinaus spielt aber der Glaube an die Selbstheilungskräfte des Menschen in den verschiedenen Methoden der Naturmedizin eine wichtige Rolle. Zugrunde liegt eine positive Definition von Gesundheit, die neben der körperlichen auch die mentale Widerstandsfähigkeit mit einbezieht. Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky prägte hierfür den Begriff der Salutogenese, im Gegensatz zu dem in der Schulmedizin vorherrschenden Konzept der Pathogenese. So hat Glaube immer auch etwas mit Verbundenheit zu tun und damit, ob Menschen Vertrauen in die jeweilige Methode haben.

Unabhängig von den vielfältigen Belegen zur Wirksamkeit von Naturmedizin stärkt also der Glaube an ihre heilsame Wirkung und das Gefühl, die eigene Gesundheit durch verschiedene Verfahren selbst aktiv unterstützen zu können, die Widerstandskräfte gegen Krankheit. Beispiele hierfür sind Kneippsche Anwendungen oder Bewegungsübungen, wie Heileurythmie, Qi Gong etc.

 

[1] Kirsch, I.: Antidepressants and the Placebo Effect. In: Z Psychol. 2014; 222(3): 128–134. 

[2] Eric A. Apaydin, Alicia R. Maher, Roberta Shanman, Marika S. Booth, Jeremy N. V. Miles, Melony E. Sorbero, and Susanne Hempel: A systematic review of St. John’s wort for major depressive disorder

[3] Auch Johanniskrautpräparate sind nicht frei von Neben- und Wechselwirkungen. So kann bei gleichzeitiger Einnahme z.B. die Wirkung von Krebsmitteln oder anderen immunsupprimierenden (das Immunsystem unterdrückenden) Mitteln beeinträchtigt werden. Die Einnahme von Johanniskraut sollte deshalb immer mit dem behandelnden Arzt / der behandelnden Ärztin abgestimmt werden.

»Zahlt die Kasse für Hokuspokus? «

Nun, es kommt drauf an, was man für Hokuspokus hält… Nein, im Ernst, die Gesetzlichen Krankenkassen übernehmen laut Sozialgesetzbuch alle Maßnahmen, die „ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“ sind. Davon ausgenommen sind allerdings oft hilfreiche Behandlungsmethoden aus der Naturmedizin. Denn obwohl die sogenannten „besonderen Therapierichtungen“ (Anthroposophische Medizin, Pflanzenheilkunde und Homöopathie) durchaus ihren vom Gesetzgeber vorgesehenen Raum in der gesetzlichen Krankenversicherung haben, also von der Erstattung nicht ausdrücklich ausgeschlossen sind, zahlen die meisten Kassen nur im Rahmen freiwilliger Leistungen spezielle Therapien. Das finden wir ungerecht.

Denn oft sind zum Beispiel Menschen mit chronischen Erkrankungen auf ergänzende naturmedizinische Therapien angewiesen: wie beispielsweise die zusätzliche Misteltherapie bei Krebs oder Akupunktur bei dauerhaften Schmerzzuständen. Hier können nachweislich Nebenwirkungen gelindert und die Lebensqualität verbessert werden.

Nicht alle Patienten können sich jedoch solche Behandlungen leisten - es sollte aber jeder das Recht auf wirksame medizinische Hilfe haben, unabhängig von seinen finanziellen Möglichkeiten!

Hier muss sich etwas ändern: Deshalb fordern wir die volle Erstattung naturmedizinischer Verfahren der „besonderen Therapierichtungen“, sowie bewährter traditioneller Medizinsysteme durch die Gesetzlichen Krankenkassen!

https://www.naturundmedizin.de/homoeopathie-und-die-gesetzliche-krankenversicherung.html

»Kraut oder Keule, Herr Doktor?«

Vegetarier könnten diese Frage klar entscheiden – aber in der Medizin geht es heutzutage längst nicht mehr um ein Entweder-Oder, sondern um ein Miteinander von pflanzlichen und synthetischen Medikamenten. Eben Kraut und Keule. Etwa 75 Prozent der Deutschen wollen solch eine Kombination von schulmedizinischen und ergänzenden Verfahren aus der Naturmedizin, eine Integrative Medizin!

Denn Studien und die Erfahrungen von Patientinnen und Patienten zeigen: Oft können Mittel aus der Naturmedizin den Einsatz von chemischen Medikamenten reduzieren, teilweise auch ersetzen.  Oder aber Nebenwirkungen deutlich verringern.

Patient*innen wollen daher frei entscheiden können, wie sie behandelt werden - über 80 Prozent möchten bei der Wahl ihrer Therapie und der Arzneimittel mitbestimmen können und 66 Prozent würden gerne in der Apotheke frei zwischen Medikamenten aus der Schulmedizin oder Naturmedizin wählen können.

Naturmedizin ist dabei keine Alternative zur herkömmlichen Medizin, sondern eine sinnvolle Ergänzung und Bereicherung!

Und damit Ärzt*innen und Patient*innen in Zukunft noch besser wissen, wann Kraut, Keule oder beides angezeigt ist, sollte es endlich öffentliche Forschungsgelder auch für die Naturmedizin geben!

Zahlen: Studie von Kantar TNS, Juli 2018 https://www.carstens-stiftung.de/artikel/aktuelle-studie-deutsche-wuenschen-sich-ein-miteinander-von-schulmedizin-und-ergaenzenden-therapien.html

»Naturmedizin und Schulmedizin: Team oder Gegner?«

Naturmedizin und Schulmedizin schließen sich nicht gegenseitig aus – davon sind wir überzeugt! Vielmehr liegt uns der Teamgedanke am Herzen. Und etwa 75 Prozent der Deutschen ebenfalls! Die wollen nämlich ein Miteinander von Schulmedizin und ergänzenden Therapien aus der Naturmedizin, wie beispielsweise Naturheilkunde, Anthroposophische Medizin, Akupunktur oder Homöopathie.

Es gibt inzwischen viele Forschungsergebnisse, die den Wert von naturmedizinischen Behandlungen nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin beweisen: nicht als Alternative zur Schulmedizin, sondern eben integriert in ein ganzheitlich orientiertes Behandlungskonzept.

Auch im medizinischen Alltag ist die Integrative Medizin längst angekommen. Fast 60.000 der etwa 120.000 in Deutschland niedergelassenen Ärzte, also die Hälfte, wenden in ihren Praxen zusätzlich naturmedizinische Verfahren an.

Eine solche Integrative Medizin ist die Medizin der Zukunft, denn sie vereint aufs Beste schulmedizinisches Wissen und eine ganzheitliche Betrachtung des Patienten.

Und damit in Zukunft das Team Integrative Medizin noch besser zusammenarbeiten kann, sollte Naturmedizin verbindlich in die Ausbildungsordnungen aller Gesundheits- und Heilberufe aufgenommen werden!

Zahlen: Studie von Kantar TNS, Juli 2018 https://www.carstens-stiftung.de/artikel/aktuelle-studie-deutsche-wuenschen-sich-ein-miteinander-von-schulmedizin-und-ergaenzenden-therapien.html // Ärztestatistik 2017, Bundesärztekammer

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