25. September 2020 - In Zeiten, in denen ein Virus eine weltweite Pandemie auslöst, rückt Gesundheit und deren Erhaltung noch einmal mehr in den Fokus. Dennoch fließen derzeit lediglich drei Prozent der Gesundheitskosten in Prävention und Vorsorge. Fachleute fordern deshalb in einer am 24. September beim Hauptstadtkongress Digital vorgestellten „Berliner Erklärung“ einen Paradigmenwechsel und stellen ihre zehn Leitprinzipien zur Gesundheitsvorsorge der Zukunft zur Diskussion.

Weniger Reparaturmedizin und mehr Prävention und Vorsorge lautet das einstimmige Credo des vierzigköpfigen Teams, das aus Vertretern der Wissenschaft, der Gesundheitsvorsorge, der Krankenkassen, Haus- und Fachärzten sowie der Pfizer Deutschland und des Springer Medizin Verlags besteht. Patientenverbände waren lediglich mit dem Vorstand von „Jung und Krebs e.V.“ Freiburg dabei.

Professor Reinhard Busse, Gesundheitsökonom an der Technischen Universität Berlin und Schirmherr der Initiative erklärt dazu: Vorsorge müsse im Gesundheitssystem einen wichtigeren Anteil einnehmen. Sie müsse zudem weit über das Gesundheitssystem hinausgehen und viele Bereiche wie Bildung, Arbeit, Verkehr oder Umwelt miteinschließen. Laut Busse brauche man eine „Health in All Policies“, also Gesundheit in allen Bereichen der Politik. Das Präventionsgesetz von 2015, das den Fokus auf Prävention und Gesundheitsförderung legt, greife zu kurz.

Ziel: Wirkungsvollere Gesundheitsvorsorge

Die Gesundheitsexperten hatten in drei interdisziplinären Gruppen über einen Zeitraum von einem Jahr Visionen für eine wirkungsvollere Gesundheitsvorsorge entwickelt, diese wurden priorisiert, als Leitprinzipien formuliert und dazugehörige Maßnahmen und Rahmenbedingungen benannt. Als greifbare Beispiele lässt sich eine Vermeidung von Über- und Unterversorgung und die Verbindung von ärztlicher und nicht-ärztlicher Kompetenz nennen. Zudem sei die Gesundheitsvorsorge der Zukunft eine lebenslange Erziehungs- und Bildungsaufgabe.

Als Bausteine einer gelungenen Präventionsstrategie schlagen die Expert*innen unter anderem einen Präventions-Think Tank vor, der das Silodenken im Gesundheitsbereich auflösen und sektorenübergreifendes Arbeiten an einer ganzheitlichen Präventionsstrategie ermöglichen soll.  Außerdem fordern sie eine nationale Kommunikationsstrategie, um Gesundheitskompetenz („Health Literacy“) und gesundheitsbewusstes Verhalten in der Bevölkerung zu stärken, Präventionsangebote stärker auf vulnerable Gruppen zuzuschneiden, und Gesundheit in Umwelt-, Verkehrs- und Infrastrukturpolitik mitzudenken.

Zeit für einen Wechsel ist überfällig

Die Zeit für mehr Prävention und damit auch für die Berliner Erklärung sei überfällig, sagte Heidrun Thaiss, Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in der abschließenden Diskussion dazu. Dabei könne man auch die Erfahrungen aus der Pandemie nutzen. Noch nie seien die Menschen so sensibilisiert für das Thema gewesen, Gesundheit sei nicht nur die Abwesenheit von Krankheit, sondern umfasse auch den Aspekt Lebensqualität, betonte Thaiss. Lebenswelten seien stärker in den Fokus zu nehmen, weil dort Prävention und Vorsorge gelebt würden.

Sie könne alle zehn Leitprinzipien der Berliner Erklärung voll und ganz unterschreiben, sagte Kirsten Kappert-Gonther von Bündnis90/Die Grünen dazu. „Wir wissen ja, dass die Verhältnisse, unter den Menschen arbeiten, leben oder sich bilden, erheblichen Einfluss auf ihre Gesundheit haben“, so die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Der Staat sei in der Verantwortung, durch steuerliche Anreize etwas gegen Übergewicht zu tun oder durch mehr Radwege zu Bewegung zu motivieren, gab die Politikerin als Beispiel an.

„Die Kommunen müssen stärker in die Meinungsbildung mit den Sozialversicherungen hinein“, fordert Rudolf Henke in der Diskussion. Der Gesundheitspolitiker der CDU und Präsident der Landesärztekammer Nordrhein ist sich sicher, dass Gesundheitsvorsorge vor allem auf kommunaler Ebene stattfindet. Nötig sei deshalb auch ein ärztliches Präventionsmanagement in den Praxen, denn diese seien der geeignete Raum, die Menschen für gesunde Ernährung und Bewegung zu sensibilisieren.

Die Bürger- und Patienteninitiative weil’s hilft! begrüßt den geforderten Paradigmenwechsel vom Krankheits- zum Gesundheitssystem, kritisiert aber, dass Patient*innen in der Expertengruppe nicht ausreichend und in der abschließenden Diskussion der Erklärung gar nicht vertreten waren. „Wenn man sich eine lebensweltbezogene Prävention, eine ‚Health in All Policies’ auf die Fahnen schreibt und gesundheitsbewusstes Verhalten stärken will, müssen die Lebenswelten, Fähigkeiten und Präferenzen der Bürgerinnen und Bürger einen viel größeren Stellenwert in der Diskussion bekommen“, sagt Dr. Stefan Schmidt-Troschke, geschäftsführender Vorstand des unabhängigen Bürger- und Patientenverbands GESUNDHEIT AKTIV und Initiator von weil’s hilft!. „Hierzu gehört auch die von einer großen Mehrheit gewünschte Naturmedizin. Das große Potential, das naturmedizinische Ansätze für die Gesunderhaltung und Prävention bereithalten, sollte in weiteren Formaten, etwa dem vorgeschlagenen Präventions-Think Tank, deshalb mit berücksichtigt werden.“