Fakten

Markt und Ethik in der Medizin 

1.900.000 Euro kostet eine Infusion mit Zolgensma, einer Gentherapie gegen spinale Muskelatrophie (SMA), die der Pharmakonzern Novartis jetzt auch auf den deutschen Markt bringen könnte.1 Die Erbkrankheit SMA löst unter anderem Muskelschwund aus und führt ohne Behandlung oft vor Erreichen des zweiten Lebensjahres zum Tod. Betroffene dürften also äußerst dankbar sein, wenn es eine Therapie gibt, die wirksamer als bisherige Optionen ist. Der Preis einer Behandlung wird vom Spitzenverband der Krankenkassen und dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), dem höchsten Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen, mit dem Hersteller ausgehandelt, allerdings erst ein Jahr nach Markteinführung – vorher gilt der Listenpreis des Anbieters. Im Falle Zolgensma spiegeln die 1,9 Mio. Euro pro Patient, die von der Solidargemeinschaft finanziert werden müssten, nicht etwa die Herstellungs- und Entwicklungskosten des Medikaments, sondern dessen „Marktwert“ wider.  

Pharmaunternehmen wie Novartis können sich also aufgrund der Rahmenbedingungen unseres Gesundheitssystems unmäßig an notleidenden Menschen bereichern, und wir alle müssen dafür zahlen. Der Leiter des Freiburger Instituts für Ethik der Medizin, Giovanni Maio, spricht sich gegen eine solche Preisgestaltung allein nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage aus: „Dann entstehen völlig überhöhte Preise wie bei Zolgensma oder vielen anderen Medikamenten, etwa in der Krebsbehandlung. Das ist ethisch nicht zu rechtfertigen.“2 Weil’s hilft! will kein Gesundheitssystem, in dem die Rendite der oberste Maßstab des Handelns ist! Exorbitant überhöhte Medikamentenpreise, der Pflegenotstand oder die Schließung von Kliniken im ländlichen Raum sind das Ergebnis politischer Entscheidungen, die nicht in erster Linie die Interessen der Patient*innen im  Blick haben. Das muss künftig anders werden! 

Naturmedizin ist effektiv und spart Kosten 

Und hier kommt die Naturmedizin ins Spiel: Pflanzenheilkunde, Kneipp’sche Verfahren, Anthroposophische Medizin, Osteopathie, Homöopathie und weitere bewährte komplementäre Verfahren sind vielfach wirksame und sichere Alternativen oder Ergänzungen zu schulmedizinischen Therapien. Dennoch werden sie kaum beforscht, an Universitäten allenfalls in marginalem Umfang gelehrt und von den Kassen nicht als Regelleistung erstattet. Dabei sind diese Behandlungsformen effektiv und sparen im Vergleich zu konventionellen Verfahren Kosten! Eine vergleichende ökonomische Evaluation aus den Niederlanden, die die Daten von ca. 1,5 Mio. Versicherten über sechs Jahre auswertete, hat gezeigt, dass naturmedizinische Orientierung in der Grundversorgung mindestens so effektiv ist wie konventionelle und weniger Kosten verursacht.Die Sterblichkeit von Patient*innen, die primär naturmedizinisch behandelt werden, ist deutlich niedriger als die von ausschließlich konventionell Behandelten, und im Schnitt verursachen diese auch signifikant weniger Ausgaben für die Krankenversicherung. Andere Kosteneffizienzstudien zu verschiedenen naturmedizinischen Verfahren kommen zu ähnlichen Ergebnissen.4,5  

Die existierenden wissenschaftlichen Befunde legen also den Schluss nahe, dass unser Gesundheitssystem durch mehr Naturmedizin sowohl effektiver als auch günstiger werden würde. Die Patient*innen und das Gros der Bevölkerung würden von Weichenstellungen in Richtung Integrative Medizin profitieren. Da naturmedizinische Verfahren häufig auf Selbstfürsorge, Prävention und Stimulation der Selbstheilungskräfte mit vergleichsweise unschädlichen Interventionen statt auf teure Arzneimittel oder Operationen setzen, sind sie für Pharmaunternehmen wirtschaftlich uninteressant. Der u. a. für das Handelsblatt tätige Wirtschaftsjournalist Norbert Häring etwa fragt sich in Bezug auf die Homöopathie, die er im Übrigen selbst höchst kritisch betrachtet: „Warum wird über so etwas so hitzig diskutiert, und nicht viel mehr darüber, wie man mit Krebsmedikamenten umgeht, die hunderttausende Euro pro Patient und Jahr kosten, oder wie man dafür sorgen kann, dass die Pharmaindustrie sich stärker auf Mittel konzentriert, die einen echten Mehrwert bringen?“ Und er resümiert: „In dem Maße wie die Kampagne gegen die Homöopathie Erfolg hat, wird unser Gesundheitssystem teurer, aber nicht wirksamer. Nur die Pharmabranche verdient mehr.“

Für ein demokratisches Gesundheitswesen 

Gesundheit ist nicht einfach durch standardisierte und technische Interventionen geradlinig herbeizuführen. Gesundheit entsteht in jedem von uns individuell und durch jeden selbst – und zwar innerhalb der Kultur und Gesellschaft, die wir mitgestalten. Deshalb braucht es Offenheit und eine Vielfalt der Methoden und Therapien, wie sie im Rahmen unterschiedlicher Ansätze innerhalb der Integrativen Medizin zugänglich sind: Konventionelle und naturmedizinische Verfahren werden so sinnvoll miteinander verbunden. Der Weg zu einer Integrativen Medizin, die klar und fest in unserem Gesundheitssystem verankert ist, ist zugleich der Weg zu einem methodisch offenen und demokratisch legitimierten Gesundheitssystem, das sich an den Bedürfnissen der Patient*innen und Bürger*innen orientiert und an dessen Ausgestaltung die Bürger*innen aktiv beteiligt sind. Bürger*innen und Patient*innen sind Experten ihrer eigenen Gesundheit. Daher müssen sie die Rahmenbedingungen, unter denen sie medizinisch behandelt werden, mitgestalten können. 

Eine solches Erleben von Selbstwirksamkeit stärkt die Gesundheit der Menschen und sollte regional und überregional zur Selbstverständlichkeit werden. Die derzeit noch bestehenden tiefen Gräben zwischen der Schulmedizin und Naturmedizin könnten so überwunden werden – zum Wohle der Patient*innen.  


1 aerzteblatt.de, 20. Mai 2020
2 aerzteblatt.de, 6. Februar 2020
3 BMJ Open, 2014-005332
4 BMJ Open, 2012-001046
5 PubMed, DOI: 10.1007/s10198-013-0462-7
6 Blog norberthaering.de

Für eine menschliche Medizin

In den vergangenen 15 Jahren hat das Gesundheitswesen vielfältige Veränderungen durchlaufen und ist heute weitgehend zu einer Gesundheitsökonomie geworden, die nach Marktgesetzen funktioniert. Das bedeutet, dass sich Krankenhäuser, aber auch Arztpraxen wie Unternehmen verhalten (müssen), die für bestimmte Leistungen bezahlt werden. In den Krankenhäusern wurde die Finanzierung 2004 auf das sogenannte Fallpauschalensystem‘ umgestellt. Waren die Behandlungskosten zuvor vor allem von der Dauer des Krankenhausaufenthalts der Patient*innen abhängig, werden seither einheitliche, vom Gesetzgeber gedeckelte Honorare für Behandlungen auf der Basis definierter Diagnosen festgelegt, sogenannte DRGs (Diagnosis Related Groups).  

Arztpraxen und Krankenhäuser stehen seither unter einem hohen wirtschaftlichen Druck. Sie müssen möglichst viele Leistungen erbringen und effizient sein, damit sie wirtschaftlich überleben können. So müssen Arztpraxen einerseits so viele Patient*innen wie möglich behandeln, andererseits darauf achten, dass pro Patient*in nur so viele Leistungen erbracht werden, wie in der Deckelung vorgesehen. Eine Reihe von Krankenhäusern wurde privatisiert und steht im Wettbewerb zu kommunalen und gemeinnützigen, z. B. kirchlichen Einrichtungen. Auf diese Weise wird die Rendite zu einer wichtigen Bezugsgröße, die auch ärztliches Handeln beeinflusst: Wirtschaftliche Erwägungen spielen eine Rolle bei der Behandlung der Patient*innen, die Anreize sind falsch gesetzt: Hochdotierte Apparatemedizin, aufwändige Diagnostik und Operationen spülen Geld in die klammen Kassen der Krankenhäuser, wohingegen zeitintensivere Pflegeleistungen, Gespräche zwischen Ärzt*innen und Patient*innen sowie menschliche Zuwendung keinen Gewinn versprechen. Das führt zum Beispiel immer wieder zu unnötigen Operationen oder überflüssiger Diagnostik, um die getätigten Investitionen in Geräte zu amortisieren oder zu verfrühten Entlassungen, um die veranschlagten Liegezeiten nicht zu überschreiten.1 In vielen Häusern wurde zudem am Einsatz der Pflege gespart, was sich heute bitter rächt.  

Die Medizin ist an vielen Stellen zur Reparaturwerkstatt verkommen, ist unmenschlich geworden. Krankenhäuser erinnern oftmals an Gesundheitsfabriken mit riesigen Abteilungen, in denen die Prozesse wie am Fließband durchgetaktet sind. Ärzt*innen, Therapeut*innen, Pflegende und Patient*innen leiden gleichermaßen unter diesen Missständen, vielfach regt sich mittlerweile Widerstand. In einem dringenden Appell in der Zeitschrift Stern 2019 sprachen sich Ärzt*innen und medizinische Gesellschaften für eine grundlegende Reform der Krankenhäuser in Deutschland aus.2 Es sei fahrlässig, die Kliniken und damit auch die Patient*innen den Gesetzen des freien Marktes zu überlassen. Obwohl einzelne Politiker*innen mittlerweile ebenfalls für eine Reform der Krankenhausfinanzierung plädieren, sind wirkliche Veränderungen nicht in Sicht.  

Als belastend erleben viele Patient*innen vor allem die mangelnde Zeit für ausführliche Gespräche, in denen sie Ärzt*innen und Therapeut*innen als ganze Person und nicht nur als Symptomträger gegenübertreten können. Durchschnittlich 8 Minuten verbringen Patient*innen im ‘Sprechzimmer’ ihrer Ärzte, nach durchschnittlich 19 Sekunden werden sie zum ersten Mal unterbrochen. Trotz vielfacher Kritik, wird die ‘Sprechende Medizin’ als Leistung, insbesondere im Vergleich zu apparativer Diagnostik, weiterhin sehr schlecht vergütet. Das gilt sowohl für den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) als auch für die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ).

Das Gesundheitssystem neu denken

„Wo das Primat von Kapitalinteressen herrscht, fehlt es systembedingt an der ärztlichen Fürsorge,“ bringt es Klaus Holetschek, MdL und Präsident des Kneipp-Bundes auf den Punkt. Gäbe es nicht die hohe innere Motivation vieler Ärzt*innen, Therapeut*innen und Pflegenden, sähe es in der ambulanten und stationären Versorgung sowie in der Pflege in Deutschland noch weitaus trüber aus als es derzeit der Fall ist. Die ökonomisierte Medizin bürdet ihre Verwerfungen und Defizite den Patient*innen, Ärzt*innen und Pflegenden auf, die unter dieser Last zunehmend zusammenbrechen – oder auf die Barrikaden gehen. Es ist deshalb an der Zeit, unser Gesundheitssystem völlig neu zu gestalten und es konsequent vom Menschen her zu denken. Ganzheitliche, auf die Stärkung der eigenen Gesundheitspotenziale setzende Verfahren der Naturmedizin weisen den Weg aus der Sackgasse, in die uns eine ökonomisierte Medizin über die Jahre hineinmanövriert hat. 


Ausführlicher nachzulesen in dem Essay von Dr. Christoph Rehm: Gesundheitswesen – Quo vadis? In: Medizin Individuell. Klinikausgabe Heft 58/59. Winter 2015/16. S. 10-17

Ärzte Appell im Stern, 2019

Umsteuern Richtung Gesundheit 

Mehr als eine Milliarde Euro geben die Gesetzlichen Krankenkassen täglich für Krankheitskosten aus. Lediglich rund zwei Prozent davon fließen in Vorsorge- und Rehabilitationsleistungen. Ein überraschend niedriger Wert, angesichts der Zunahme sogenannter Volkskrankheiten, wie z. B. Diabetes mellitus Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, starkes Übergewicht oder psychische Erkrankungen, wie Depressionen. Diese verursachen hohe volkswirtschaftliche Kosten, obwohl mittlerweile erwiesen ist, dass sie durch einen gesundheitsbewussten Lebensstil vermieden bzw. positiv beeinflusst werden können. Wie kann das sein?  

Tatsache ist, dass in unserem derzeitigen Gesundheitssystem Krankheit und nicht Gesundheit honoriert wird. Mit dem 2015 in Kraft getretenen Präventionsgesetz haben die Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) zwar den Auftrag erhalten, ihre Präventionsangebote auszuweiten und Angebote zur Gesundheitsförderung und Prävention finanziell zu unterstützen (§20 Abs. 5 SGB V). Gleichzeitig werden in Deutschland jedoch weiterhin die falschen Anreize gesetzt: Der sogenannte Morbiditätsausgleich (oder auch Risikostrukturausgleich) sieht vor, dass Krankenkassen mit besonders vielen schwerkranken Patient*innen eine Ausgleichszahlung von anderen Krankenkassen bekommen. Gedacht als ein Instrument, das den Wettbewerb der Krankenkassen untereinander fördern soll, hat es den Effekt, dass eine Krankenkasse finanziell davon profitiert, wenn sie möglichst viele Versicherte mit schweren, chronischen und kostenträchtigen Krankheiten hat. Der Anreiz, regelmäßige körperliche Bewegung, ausgewogene Ernährung sowie Methoden zur Stressbewältigung – also Maßnahmen zur Primärprävention – zu fördern, ist vor diesem Hintergrund nur sehr gering ausgeprägt. Kranke Patient*innen rechnen sich, gesunde nicht.  

Im Sinne der Patient*innen und vor dem Hintergrund der explodierenden Kosten im Gesundheitswesen ist ein Umsteuern unbedingt erforderlich. Wie kann das gelingen? Ein modernes Gesundheitssystem muss sich darauf fokussieren Gesundheit zu erhalten und dabei den ganzen Menschen im Blick haben. Naturmedizinische Verfahren beziehen Patient*innen als aktive Partner in die Behandlung ein und bestärken sie darin, gesünder zu leben. Sie aktivieren die Selbstregulationskräfte und Ressourcen und stärken das Immunsystem. Auf diese Weise tragen sie dazu bei, lebensstilbedingte, chronische Erkrankungen zu vermeiden bzw. in ihrem Verlauf abzuschwächen. Mit ihrem salutogenetischen (gesundheitsfördernden) Ansatz sind sie eine dringend benötigte Ergänzung zur konventionellen Medizin, die sich auf die Behandlung von Krankheiten fokussiert (pathogenetischer Ansatz). Ein gleichberechtigtes Miteinander von Naturmedizin und Schulmedizin leistet somit einen wichtigen Beitrag für eine patientenzentrierte Medizin der Zukunft.

Naturmedizin - aus Erfahrung gut

Naturmedizin hat eine lange Tradition. Seit es Menschen gibt, werden sie krank. Und schon immer versuchten Kranke, Linderung oder Heilung ihrer Beschwerden zu erfahren. Mit der Zeit fanden Anwendungen, die hierbei erfolgreich waren, Eingang in das Kulturgut der Menschheit: Durch Ausprobieren, Beobachtung und Reflexion der gewonnenen Erfahrungen bildeten sich einzelne Behandlungsmethoden oder sogar ganze Medizinsysteme heraus. Manche davon wurden im Laufe der Entwicklungsgeschichte der Menschheit wieder verworfen, weil sich herausstellte, dass sie doch nicht das bewirkten, was man sich zunächst versprochen hatte. Andere aber wurden überliefert und entwickelten sich weiter, weil jede neue Generation wieder gute Erfahrungen mit ihnen machte und sie Schritt für Schritt verbesserte. Beispiele für diese bewährten Therapieformen oder -systeme sind die europäische Naturheilkunde, die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) oder der indische Ayurveda. Mit ihren Behandlungsmethoden haben unzählige Menschen über Jahrtausende immer wieder Verbesserungen ihres Gesundheitszustandes erfahren, und sie tun es auch heute noch.

Schulmedizin – Stärken und Schwächen

Dennoch werden traditionelle Therapieformen im modernen Medizinbetrieb kaum berücksichtigt: Die Universitäten erforschen Naturmedizin mangels öffentlicher Gelder nur sehr eingeschränkt, angehende ÄrztInnen lernen kaum etwas darüber, und die PatientInnen können folglich nur sehr begrenzt von hilfreichen Verfahren profitieren. Die heutige Schulmedizin hat viele segensreiche Behandlungsmethoden im Arztkoffer, vor allem im Bereich der akut lebensbedrohlichen Zustände und der Intensivmedizin. Anders verhält es sich bei leichteren und chronischen Erkrankungen: Zum einen wiegt der erhoffte Nutzen der konventionellen Therapien das Risiko unerwünschter Arzneiwirkungen nicht immer auf. Zum anderen lassen sich mit schulmedizinischen Medikamenten häufig nur die Krankheitssymptome unterdrücken, während der eigentliche Heilungsprozess unbeeinflusst bleibt.

Ohne Zweifel rettet die Schulmedizin tagtäglich viele Leben. Zur Wahrheit gehört aber auch: Nach Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen sind Nebenwirkungen von Arzneimitteln mittlerweile die dritthäufigste Todesursache in Europa und den USA. Dabei wird die Hälfte dieser Medikamente nach Vorschrift angewendet [1]. Insbesondere ältere Patient*innen und chronisch Kranke nehmen nicht selten gleichzeitig und dauerhaft eine ganze Reihe von Medikamenten ein, deren Langzeiteffekte und Wechselwirkungen kaum erforscht sind.

Gerade bei chronischen ‚Volkskrankheiten‘ wird das Problem der sogenannten Polypharmazie erst allmählich in seinem ganzen Ausmaß sichtbar: Denn wenn der ganzheitliche Blick auf den Menschen fehlt, nehmen Ärztinnen und Ärzte nur noch die verschiedenen Symptome wahr, für die sie das jeweils ‚passende‘ Medikament verordnen. Um Nebenwirkungen bestimmter Wirkstoffe zu vermeiden, werden dann oft weitere Medikamente gegeben, die ebenfalls zu Nebenwirkungen führen können. Verstehen Ärzt*innen den Menschen hingegen als Einheit von Körper, Seele und Geist, treten die Ursachen von Erkrankungen und nicht allein ihre Symptome in den Mittelpunkt. Viele bewährte Verfahren der Naturmedizin können zudem helfen, die Nebenwirkungen konventioneller Medikamente zu vermindern und ihre Anzahl zu reduzieren.

Wichtig für Patient*innen ist dabei vor allem, die Verantwortung für die eigene Gesundheit selbst zu übernehmen und nicht in der Arztpraxis abzugeben. Damit verbunden ist gerade bei chronischen Krankheiten eine Änderung des Lebensstils, das heißt vor allem eine gesunde Ernährung, Bewegung und Entspannung sowie die Reduktion von Stress.

[1] Artikel: Our prescription drugs kill us in large numbers

Viele gesundheitsbewusste jüngere Menschen, die beispielsweise Wert auf eine ausgewogene Ernährung legen, erhalten im Krankheitsfall Therapien, die ihnen auf lange Sicht mehr schaden als nützen. Dies gilt leider auch für Kinder, um deren Gesundheit sich Eltern zu Recht besonders sorgen. Nicht selten bekommen sie zwar Bio-Obst und Vollkornprodukte in die Butterbrotdose, bei Atemwegsinfekten werden ihnen aber sofort Antibiotika verschrieben. Und das, obwohl Studien zeigen, dass diese in den meisten Fällen nicht angezeigt sind [1][2]. In der Folge steigt das Risiko von schweren Krankheitsverläufen und Resistenzbildungen [3].

Für diese Probleme hält die Naturmedizin Lösungen bereit. Naturheilkunde, Homöopathie oder Anthroposophische Medizin zum Beispiel aktivieren die Selbstheilungskräfte des Organismus. Hierdurch können chronische Erkrankungen nachhaltig günstig beeinflusst oder manchmal sogar ausgeheilt werden. In leichteren Fällen können naturmedizinische Verfahren auch bei akuten Erkrankungen alternativ zur konventionellen Medizin eingesetzt werden und so helfen, Medikamente einzusparen und Nebenwirkungen zu vermeiden. Bei schweren Krankheiten beschränkt sich ihre Rolle aber auf eine ergänzende Behandlung, die nichtsdestotrotz sehr hilfreich sein kann. Aus diesen Gründen empfiehlt auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem aktuellen Bericht zur traditionellen und komplementären Medizin [4], Naturmedizin in den weltweiten Gesundheitssystemen stärker zu berücksichtigen.

Links:

[1] Studie: Antibiotic Prescribing for Children With Colds, Upper Respiratory Tract Infections, and Bronchitis
[2] Cochrane Systematic Review: Antibiotics for the common cold
[3] Studie: Antibiotic exposure and ‘response failure’ for subsequent respiratory tract infections
[4] WHO global report on traditional and complementary medicine 2019

Dialog statt Hassdebatten

Aktuell werden in der öffentlichen Diskussion um verschiedene naturmedizinische Therapieformen deren Chancen und Risiken nicht faktenbasiert abgewogen, um eine bestmögliche Gesundheitsversorgung im Sinne einer Integrativen Medizin zu schaffen. Vielmehr lässt sich beobachten, dass sich Teile der Medien und der Politik auf einen Feldzug gegen alles begeben haben, das nicht mit Operationen oder chemischen Arzneimitteln zu tun hat. Offenbar gibt es Interessengruppen, die eine schulmedizinische Monokultur etablieren wollen, die weder hilfreich ist, noch von der Mehrheit der Bevölkerung gewünscht wird. Die beliebteste Zielscheibe für Polemik und Shitstorms bilden zurzeit die Homöopathie und der Berufsstand des Heilpraktikers. Immer wieder erscheinen Zeitungsartikel, Fernsehdokumentationen und Onlinepublikationen, die die Homöopathie als Placebo-Therapie diffamieren und alle Heilpraktiker als Gefahr für die Volksgesundheit einstufen. Flankiert wird diese Medienkampagne von einer Unzahl Postings in den sozialen Medien, die weit entfernt von einer sachlichen Debatte einen Hass auf alles, was nicht Schulmedizin ist, zum Ausdruck bringen. Unter dem Deckmantel des Patientenschutzes werden Fronten geschaffen und Hass gesät, wo im Sinne einer bestmöglichen Therapie eigentlich Kooperation und Dialog stattfinden müssten. Weil’s hilft! will diesen Dialog vorantreiben – im Sinne der Patient*innen. Denn die fordern schon lange: miteinander statt gegeneinander.

 

Wissenschaft statt Esoterik?

Analysiert man die konkreten Vorhaben und Gesetzesvorschläge der Homöopathie-Kritiker, wird schnell deutlich, dass das Bashing gegen Globuli nur die Spitze des Eisberges ist. Im Namen einer evidenzbasierten Medizin werden auch Akupunktur, Osteopathie und andere traditionelle Verfahren als unwirksam, gefährlich und teuer beschrieben, weswegen die gesamte Naturmedizin entweder verboten oder zumindest in ein Nischendasein auf dem Wellnessmarkt gedrängt gehöre. Als Hauptargument führen die Verfechter einer dogmatischen Schulmedizin zumeist „die Evidenz bzw. die Wissenschaft“ ins Feld. Sie konstruieren eine Gegenüberstellung von angeblich bestens erforschten konventionellen Therapien auf der einen Seite und wissenschaftlich widerlegter Esoterik auf der anderen Seite. Wer sich mit der Studienlage auseinandersetzt, stellt aber schnell fest, dass diese einfache Schwarz-Weiß-Malerei der Wirklichkeit nicht gerecht wird. So ist beispielsweise mittlerweile durch umfangreiche Untersuchungen belegt, dass viele Chemotherapien längst nicht immer einen Nutzen haben [1][2][3], dass diverse Psychopharmaka nicht besser als Placebo wirken [4], ja sogar die Selbstmordrate deutlich erhöhen [5], und dass Säureblocker zwar nicht gegen Sodbrennen helfen [6], dafür aber mit einem deutlich erhöhten Risiko für Magenkrebs in Verbindung stehen [7]. Weitet man den Blick von diesen Spezialfällen hin zur wissenschaftlichen Fundierung ganzer medizinischer Fachgebiete, macht sich Ernüchterung breit: Nur 11 Prozent der Behandlungsleitlinien zu Herz-Kreislauferkrankungen etwa basieren auf methodisch hochwertigen Studien [8], in der Onkologie sind es gerade einmal 6 Prozent [9]. Zum Schluss die Vogelperspektive: Insgesamt sind lediglich 4 Prozent aller konventionellen Therapien so gut untersucht, dass keine weitere Forschung nötig scheint; bei gut der Hälfte steht noch nicht einmal fest, ob sie eher nützlich oder eher schädlich sind [10]. Seltsamerweise erwähnen die selbsternannten Hüter der Wissenschaft auf Seiten der Schulmedizin nie, dass nur ein Bruchteil der angewandten Therapien durch hochwertige Studien abgesichert ist. Stattdessen verweisen sie beständig auf angebliche Gefahren der Naturmedizin und fordern im Namen einer evidenzbasierten Medizin (EbM) eine Absicherung durch Studien, die fast nirgends zu finden ist.

Des Weiteren werden die existierenden Forschungsbefunde zu Naturheilkunde, Homöopathie & Co. in der öffentlichen Debatte nicht zur Kenntnis genommen oder verzerrt dargestellt. Zu verschiedenen komplementären Behandlungsmethoden liegt mittlerweile eine Fülle klinischer Studien vor, die mindestens in eine positive Richtung deuten, wenn nicht gar bereits die flächendeckende Integration in die Gesundheitsfürsorge rechtfertigen. Dies gilt z. B. für die Akupunktur [11], die Misteltherapie [12], und auch für die Homöopathie [13]. So genau nehmen es einige Vertreter der evidenzbasierten Medizin mit der Wissenschaft also doch nicht, wenn sie sich lautstark öffentlich für eine reine Schulmedizin ohne Naturmedizin einsetzen.

 

Die Medizin der Zukunft ist integrativ!

Gesund macht, nach allem, was wir aus jahrtausendelanger Erfahrung und moderner Forschung wissen, eine bunte Mischung verschiedener Behandlungsformen, die jedem Menschen die freie Wahl seiner Therapie überlässt und ohne Scheuklappen versucht, die jeweils beste Kombination von Schulmedizin und Naturmedizin für den einzelnen Menschen zu finden. Die Medizin der Zukunft ist integrativ. Wir wollen mit Ihnen gemeinsam diese zukunftsfähige Medizin gestalten. Dafür braucht es Fürsprecher der Patienten*innen im öffentlichen Diskurs, öffentliche Forschungsgelder und die richtigen politischen Weichenstellungen. Seien Sie deshalb Teil unserer Bewegung, weil’s hilft!             

 

Links: 

[1] BMJ Talk Medicine: Cancer drugs, survival, and ethics
[2] Artikel: The contribution of cytotoxic chemotherapy to 5-year survival in adult malignancies
[3] BMJ Talk Medicine: There is no clear evidence that most new cancer drugs extent or improve life
[4] Meta-Analyse: Initial Severity and Antidepressant Benefits
[5] Reanalyse: Newer-Generation Antidepressants and Suicide Risk in Randomized Controlled Trials
[6] Meta-analysis of the efficacy of proton pump inhibitors for the symptoms of laryngopharyngeal reflux
[7] Studie: Long-term proton pump inhibitors and risk of gastric cancer development after treatment for Helicobacter pylori
[8] Scientific evidence underlying the ACC/AHA clinical practice guidelines
[9] Level of scientific evidence underlying recommendations arising from the National Comprehensive Cancer Network clinical practice guidelines
[10] Mapping the Cochrane evidence for decision making in health care
[11] www.evidencebasedacupuncture.org
[12] Wissenschaftliche Informationen zur Misteltherapie
[13] Stand der Homöopathieforschung: Mittel und Wirkweise

Gesundheitsförderung & Salutogenese

Ziel aller Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung ist es, eine Krankheit zu verhindern, zu verzögern oder die Krankheitsfolgen abzuschwächen (lat. praevenire „zuvorkommen“  „verhüten“). Das bedeutet: Durch verschiedene gesundheitsförderliche Maßnahmen werden die Fähigkeiten und Möglichkeiten des einzelnen Gesunden oder Kranken unterstützt, sich gesund zu halten und Risiken zu vermeiden. Dies schließt auch die für die Gesundheit förderliche Gestaltung der Lebensbedingungen mit ein.

Die Ottawa Charta für Gesundheitsförderung kommt zu dem Schluss: „Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. verändern können. In diesem Sinne ist die Gesundheit als ein wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens zu verstehen und nicht als vorrangiges Lebensziel. Gesundheit steht für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit betont wie die körperlichen Fähigkeiten. Die Verantwortung für Gesundheitsförderung liegt deshalb nicht nur bei dem Gesundheitssektor sondern bei allen Politikbereichen, und zielt über die Entwicklung gesünderer Lebensweisen hinaus auf die Förderung von umfassendem Wohlbefinden hin.“

Prävention und Gesundheitsförderung neu denken: Das salutogenetische Gesundheitsmodell

Die Ausrichtung der konventionellen Medizin ist nach wie vor überwiegend pathogenetischer Natur, das heißt die Sicht- und Denkweise ist von der Krankheit her bestimmt und die Frage der Krankheitsbekämpfung steht im Vordergrund. Folglich werden Ärzte tendenziell für Krankheit anstatt für Gesundheit bezahlt.

Beim salutogenetischen Gesundheitsmodell steht dagegen die Frage „Was macht mich gesund?“ bzw. „Was hilft mir, gesund zu bleiben?“ im Vordergrund. Nicht zufällig wurde dieses Konzept von einem Soziologen entwickelt und nicht von einem Arzt: Aaron Antonovsky, geb. 1923 in New York/USA; bezog die psychosomatische und psychosoziale Ebene mit ein und forderte, dass dem Patienten, also uns allen, die Verantwortung für seine Gesundheit zurückgegeben wird. Grundannahme dieses Ansatzes ist, dass sich der Mensch in einem ständigen Wechselspiel von Gesundheit und Krankheit befindet und jeder einzelne die Fähigkeit besitzt, die ihm gebotenen Widerstandsressourcen zu nutzen, um sich gesund zu halten. Die Salutogenese untersucht daher, welche Einflüsse uns derart stärken, dass wir selbst schwere Belastungen ohne gesundheitsschädliche Auswirkungen bewältigen können: Was hilft mir, meine persönlichen Abwehrkräfte, die sogenannte Resilienz, zu stärken? Als elementaren Faktor hierfür bezeichnete Antonovsky den „sense of coherence“, das „Kohärenzgefühl“, einer Art Urvertrauen. Es setzt sich aus drei zentralen Aspekten zusammen:

  • die Verstehbarkeit, bei der die Herausforderungen der eigenen Lebenswelt als nachvollziehbar und eingängig wahrgenommen werden
  • die Handhabbarkeit bzw. Machbarkeit, woraus die Überzeugung resultiert, das Leben selbst gestalten zu können, und
  • die Sinnhaftigkeit, der Glaube an einen Sinn, dass das Angehen konkreter Herausforderungen lohnenswert ist.

Prävention und Gesundheitsförderung bedeuten also nicht allein Vorsorgeuntersuchungen oder fachlich-inhaltliche Bildung (Gesundheitskompetenz) und damit verbundene gesundheitsförderliche Handlungsweisen. Die Stärkung der Widerstandsressourcen und des Kohärenzgefühls muss ebenso ein integraler Bestandteil sein. Das Kohärenzgefühl ist die maßgebliche Basis für die Selbstwirksamkeit.

 

Quellen

Patient*innen wünschen mehrheitlich eine Gesundheitsversorgung, die Schulmedizin und Naturmedizin sinnvoll aufeinander abstimmt, eine „Integrative Medizin“. Klingt gut - aber was bedeutet das genau? Um klar zu machen, wofür weil’s hilft! steht und Missverständnissen vorzubeugen, erläutern wir hier, was genau mit diesen Begriffen gemeint ist.

Schulmedizin

Unter „Schulmedizin“ verstehen wir alle konventionellen Therapieverfahren, die üblicherweise im  Rahmen eines Medizinstudiums („Schule“) gelehrt werden und in der flächendeckenden Krankenversorgung zur Anwendung kommen. Dazu gehören zum Beispiel chirurgische Verfahren, die Intensivmedizin oder der Einsatz von chemisch hergestellten Medikamenten.

Uns ist wichtig, dass der Begriff ‚Schulmedizin’ hier nicht ablehnend als politisches Schlagwort verstanden wird, wie es durchaus manchmal der Fall ist. Die Schulmedizin hat insbesondere in der Akutmedizin hochwirksame Therapien entwickelt, die viele Leben retten und die in vielen Fällen unverzichtbar sind. Für einige Krankheitsbilder zeigen sich jedoch auch Grenzen, zum Beispiel für die Behandlung chronischer Erkrankungen.

Naturmedizin

Mit „Naturmedizin“ meinen wir bewährte medizinische Verfahren, denen ein ganzheitliches Menschenbild zugrunde liegt und die die (Selbst-)Heilungsvorgänge des Organismus stimulieren bzw. für die Gesundung nutzen. Stehen in der Schulmedizin gegen die Erkrankung gerichtete Behandlungen im Vordergrund, richtet die Naturmedizin ihren Fokus auf die gesund erhaltenden, individuellen Fähigkeiten und Ressourcen der Patient*innen. Die meisten Verfahren setzen auf die Eigenregulation des Patienten und geben dem Organismus einen Impuls, damit er selbst wieder in sein Gleichgewicht zurückfindet. Das kann durch sehr unterschiedliche Reize, wie etwa eine Kaltwasseranwendung, spezifische wärmende äußere Anwendungen, Akupunkturnadeln, homöopathische Arzneimittel oder auch Achtsamkeitsmeditation und Biographiearbeit geschehen.

Unter dem Sammelbegriff „Naturmedizin“ fassen wir klassische Naturheilverfahren (Pflanzenheilkunde, Physikalische Therapien, Bewegungstherapie, Ernährungstherapie und Ordnungstherapie/Mind-Body-Medizin), Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Traditionelle chinesische Medizin (TCM), ayurvedische Medizin und Osteopathie zusammen. Neben spezifischen Behandlungsverfahren sind Änderungen des Lebensstils (Ernährung, Bewegung, Stressreduktion) besonders wichtig. Patient*innen übernehmen im Therapieprozess eine aktive Rolle und lernen, wesentliche Einflussfaktoren ihrer Erkrankung positiv zu beeinflussen.

Verfahren der Naturmedizin werden von einer großen Zahl von Patient*innen als wirksam erlebt und prägen den Lebensstil und das Gesundheitsverständnis vieler Menschen. Viele können dadurch Antibiotika und viele unangenehme Nebenwirkungen konventioneller Medikamente vermeiden. Wissenschaftliche Studien dokumentieren positive Therapieeffekte. Dennoch fristen diese Methoden leider weitestgehend ein Randdasein in unserem Gesundheitssystem. Zu Unrecht, wie wir finden! Millionen Menschen haben sich durch diese Ansätze eine hohe Gesundheitskompetenz und Selbstwahrnehmungsfähigkeit angeeignet. Insbesondere chronisch kranke Menschen möchten Naturmedizin selbstverständlich im Rahmen der medizinischen Versorgung nutzen können. Dafür machen wir uns stark.

Integrativ statt alternativ

Das Wort „Alternativmedizin“ bezeichnet medizinische Verfahren, die konventionelle Standardtherapien ausschließen und komplett durch andere ersetzen. Genau das wollen wir nicht! Uns geht es vielmehr darum, schulmedizinische Therapien durch Naturmedizin sinnvoll zu ergänzen. In der Fachsprache wird deshalb oft auch der Begriff Komplementärmedizin verwandt. Wir haben uns jedoch für den Begriff Naturmedizin entschieden, weil er gut verständlich ist und von vielen Patient*innen selbst genutzt wird.

Naturmedizin und Schulmedizin gemeinsam münden in das Konzept der Integrativen Medizin. Gemeint ist eine Verbindung von konventionellen und naturmedizinischen / komplementären Methoden zu einem sinnvollen Gesamtkonzept auf wissenschaftlicher Basis. (1) Im Mittelpunkt der Integrativen Medizin steht eine patientenzentrierte und ressourcenorientierte Gesundheitsversorgung, die die Erfahrungen, Bedürfnisse und Präferenzen von Patient*innen ernst nimmt und sie dialogisch als aktive Partner in Prävention und Therapie einbezieht.

Die besonderen Stärken der Integrativen Medizin liegen in der Behandlung chronischer Erkrankungen wie z.B. Herz-Kreislauferkrankungen, Atemwegserkrankungen, Erkrankungen des Rheumatischen Formenkreises, Diabetes und funktionellen Störungen. Auch bei psychischen Erkrankungen, etwa Depressionen bieten naturmedizinische Methoden ggf. ergänzend zu konventionellen Methoden gute Behandlungsmöglichkeiten. Eine besondere Bedeutung hat die Integrative Medizin in der hausärztlichen Versorgung. Besonders bei leichter verlaufenden Infektionen helfen naturmedizinische Verfahren häufig, konventionelle Medikamente, z.B. Antibiotika zu vermeiden. Nebenwirkungen und Resistenzen können so verringert werden.

Integrative Medizin erfordert multimodale Behandlungsansätze und damit eine enge Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen in interdisziplinären Teams. Beispiele für derartige Ansätze finden sich bei der Behandlung chronischer Schmerzsyndrome oder in der Palliativmedizin.

Fazit

weil’s hilft! steht für ein professionelles Miteinander konventioneller und naturmedizinischer / komplementärer medizinischer Methoden auf Augenhöhe: Naturmedizin + Schulmedizin = Integrative Medizin. Dabei orientieren wir uns an den Erfahrungen, Bedürfnissen und Präferenzen der Patient*innen sowie an Belegen aus wissenschaftlichen Studien.

Verfahren der Naturmedizin, für die es neben einer breiten Basis positiver Erfahrungen aussagekräftige Forschungsbefunde gibt, gehören in die flächendeckende Krankenversorgung und ins Medizinstudium. Behandlungsformen, die sich zwar in der praktischen klinischen Versorgung bewährt haben, aber noch nicht genügend erforscht sind, sollen systematisch und mit öffentlichen Geldern geprüft werden. Neben ihrer Evaluation in klinischen Studien sollten sie insbesondere in der Versorgungsforschung Berücksichtigung finden.  

Auf der anderen Seite bedeutet eine wissenschaftlich orientierte Integrative Medizin auch, dass Anwendungen, für die angemessen durchgeführte Studien keinen Nutzen oder sogar eine überwiegende Schädlichkeit belegen, aus dem klinischen Versorgungsalltag verschwinden. Dies gilt nicht nur für offenkundig unwirksame oder gefährliche Therapien auf dem Sektor der Naturmedizin, sondern auch für die Schulmedizin.

Wir setzen uns für eine Medizin von morgen ein, die den Patienten ernst nimmt, unvoreingenommen forscht und sich aller Methoden bedient, die im individuellen Fall eine Besserung bewirken können: Das Beste aus Schulmedizin und Naturmedizin vereint – weil’s hilft!

(1) Definition in Anlehnung an das Faktenpapier: Integrative Medizin. Hrsg. Hufelandgesellschaft. S.1f.

Menschen tragen eine Fülle von Ressourcen für ihre Gesundheit in sich. Äußere und innere Bedingungen beeinflussen sie. Bewusste Lebensgestaltung ist ein wichtiger Weg, positiven Einfluss auf Körper und Seele zu nehmen. Das ist der Ansatzpunkt der Mind-Body-Medizin, einer aus den USA stammenden Weiterentwicklung der naturheilkundlichen Ordnungstherapie.

Schon der antike Arzt Hippokrates (460-370 v. Chr.) forderte seine Patienten auf, aktiv bei der Gestaltung ihrer Lebensführung mitzuwirken, um Krankheiten zu vermeiden. In der Moderne wurde das von dem Wassertherapeut und Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) und dem Arzt Max Bircher-Brenner (1867-1939) aufgegriffen. Kneipp sagte:

„Kaum ein Umstand kann schädlicher auf die Gesundheit wirken als die Lebensweise unserer Tage. Es muss ein Ausgleich gefunden werden, um die überanstrengten Nerven zu stärken; ihre Kraft zu erhalten; es muss ein Gleichgewicht hergestellt werden zwischen der Arbeit und Lebensweise - und dem Verbrauch der Lebenskraft.“

In der Mitte des 20. Jahrhunderts fanden US-amerikanische Wissenschaftler heraus, dass viele chronische Erkrankungen durch Stress verstärkt oder sogar ausgelöst werden können. Denn nervliche Belastungen beeinflussen über eine Kaskade von Botenstoffen den gesamten Körper. Pioniere wie die Kardiologen Herbert Benson und Dean Ornish oder auch der Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn entwickelten in den 70er Jahren Entspannungsverfahren, mit denen sich schwere Erkrankungen wie Bluthochdruck, Depressionen, chronische Angst- sowie Schmerzzustände erfolgreich behandeln lassen - z. B. durch regelmäßige Entspannung und kognitive Umstrukturierung, in den Alltag integrierte Achtsamkeitsmeditationen, Ernährungsumstellungen, moderate (Ausdauer)-Bewegung, Yoga, Meditation und Einbindung des sozialen Umfeldes. Erkenntnisse der modernen Hirnforschung, Psychologie und Pädagogik gehen dort ebenso ein wie spirituelle und soziale Aspekte.

Viele Bereiche der Mind-Body-Medizin sind in den vergangenen Jahrzehnten gut untersucht worden, das heißt, sie sind evidenzbasiert und sicher in der Anwendung. Ihre besondere Stärke entwickelt sie bei Krankheiten, die dem psychosomatischen Formenkreis zuzurechnen sind, aber sie sind ebenso wirkungsvoll bei Schmerzen oder bei der generellen Aktivierung des Immunsystems bzw. der Linderung allgemeiner Übererregung. Und: Sie können erlernt und von den Patientinnen und Patienten in ihren Alltag außerhalb der Klinik oder Arztpraxis integriert werden.

Unter anderem trägt das dazu bei, dass

  • die Muskelspannung in Ruheposition reduziert werden kann [i]
  • Blutdruck und Puls im Normbereich bleiben [ii]
  • entzündliche Prozesse rascher abklingen [iii]
  • die Arterien flexibel und durchlässig bleiben [iv]
  • Depressionen und Angstzuständen entgegengewirkt wird [v]

Der aktuelle Forschungsstand findet sich in: Gustav Dobos, Anna Paul (Hg.): Mind-Body-Medizin. Integrative Konzepte zur Ressourcenstärkung und Lebensstiländerung. 2. Auflage. München 2019.

[i] Dusek JA, Benson H:  Mind-Body Medicine: A Model of the Comparative Clinical Impact of the Acute Stress and Relaxation Responses. Minn Med. 2009 May; 92(5): 47–50.

[ii] Cramer H. et al: Mind-Body Medicine in the Secondary Prevention of Coronary Heart Disease. Dtsch Arztebl Int. 2015 Nov 6;112(45):759-67. doi: 10.3238/arztebl.2015.0759.

[iii] Bower JE, Irwin MR: Mind-body therapies and control of inflammatory biology: A descriptive review. Brain Behav Immun. Author manuscript; available in PMC 2017 Jan 1.Published in final edited form as: Brain Behav Immun. 2016 Jan; 51: 1–11.

Published online 2015 Jun 23. doi: 10.1016/j.bbi.2015.06.012

[iv] Cramer H. et al: Mind-Body Medicine in the Secondary Prevention of Coronary Heart Disease. Dtsch Arztebl Int. 2015 Nov 6;112(45):759-67. doi: 10.3238/arztebl.2015.0759.

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