Newsletter Juni 2020 - Der Weihrauch ist ein traditionelles ayurvedisches Heilmittel. Bereits vor mehr als 3.000 Jahren wurde er in Indien bei Wunden, Geschwüren und entzündlichen Erkrankungen genutzt. Dass dies sinnvoll ist, hat die moderne Wissenschaft mittlerweile bestätigt.

Chronisch-entzündlich Erkrankungen, u. a. Arthritis, Colitis, Morbus Crohn und Asthma sprechen hervorragend auf Weihrauch an. In Studien zeigen sich bei 60 bis 70 Prozent der Fälle eine Verbesserung der Symptome durch Behandlungen mit Extrakten aus Weihrauch-Harz.1 Die antientzündliche Wirkung des Harzes – eigentlich ein klassisches pflanzliches Vielstoffgemisch mit über 200 verschiedenen chemischen Verbindungen – wird dabei vor allem einem Bestandteil zugesprochen: Bekannt ist, dass die Boswellia-Säure maßgeblich an der Entzündungshemmung beteiligt ist. Unklar war jedoch bislang, wie genau dies vonstattengeht. Ein Forscherteam der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Louisiana State University hat nun den molekularen Mechanismus entschlüsselt.2

Bei Entzündungen spielt das Enzym 5-Lipoxygenase eine vordergründige Rolle, denn es fördert die Bildung von Entzündungsbotenstoffen, den sogenannten Leukotrinen. Die Forscher haben nun erstmals die Kristallstruktur dieses Enzyms aufgeklärt. Dadurch waren detaillierte Untersuchungen nicht nur des Enzyms, sondern auch seiner Wechselwirkung mit verschiedenen Wirkstoffen möglich.

Der bei Asthma eingesetzte synthetische Entzündungshemmer Zileuton dockt beispielsweise direkt im aktiven Zentrum des Enzyms an und hemmt auf diese Weise seine Funktion. Während sich andere Naturstoffe ebenfalls so verhalten, bindet die Boswellia-Säure allerdings an einer anderen, weit entfernten Stelle des Enzym-Moleküls. „Durch diese Bindung kommt es jedoch zu strukturellen Veränderungen im aktiven Zentrum“, sagt Prof. Dr. Oliver Werz, Direktor des Institutes für Pharmazeutische / Medizinische Chemie der Universität Jena.

Diese strukturellen Veränderungen haben bereits einen entzündungshemmenden Effekt, doch der Einfluss der Boswellia-Säure ist noch viel größer. Dr. Jana Gerstmeier, Pharmazeutin aus Werz‘ Team und eine der Hauptautor*innen der Studie: „Durch die Bindung kommt ein Domino-Effekt zustande, wodurch sich zusätzlich die Spezifität des Enzyms verändert.“ Das Enzym fördert von nun an nicht mehr die Bildung der entzündungsfördernden Leukotrine, sondern produziert stattdessen entzündungsauflösende Substanzen – der Weihrauch-Inhaltsstoff programmiert das Entzündungsenzym also zu einem entzündungsauflösenden Enzym um!

Das Beste aus beiden Welten

Die Arbeit ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie sich Naturmedizin und konventionelle Medizin gegenseitig befruchten können. Die ursprünglich traditionelle Verwendung eines pflanzlichen Heilmittels hat zu dessen wissenschaftlicher Betrachtung geführt, die nun in der Offenbarung einer neuen Bindungsstelle an der 5-Lipoxygenase gemündet ist. Diese neue Erkenntnis hat gleich zweierlei Nutzen. Zum einen könnte in Zukunft ein Medikament auf Basis von Boswellia-Säure entwickelt werden. Zum anderen können aber auch weitere – durchaus auch synthetische – potenzielle Arzneistoffe getestet werden.

Für Patient*innen jedoch ebenso wichtig: Die ersten, erfolgversprechenden Studien müssen ausgeweitet und von öffentlicher Hand finanziert werden – damit es für Patient*innen eine realistische Chance gibt, Weihrauchpräparate von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet zu bekommen. Denn gerade Patient*innen mit chronisch entzündlichen Erkrankungen müssen bei der Einnahme konventioneller Entzündungshemmer mit teils gravierenden Nebenwirkungen leben. Mit Hilfe von Weihrauch lässt sich die Dosierung häufig reduzieren oder ausschleichen.  

 

Quelle
Nachrichten idw Wissenschaft, 11. Mai 2020

Fußnoten
[1] link.springer.com
[2] nature.com